Ein Bild, das sich nur schwer wieder abschütteln lässt.
Denn vielleicht beschreibt es auf erschreckende Weise, was es bedeutet, ein menschliches Leben zu führen.
Wir wissen, dass dieses Haus irgendwann niederbrennen wird.
Wir wissen es von Anfang an.
Und trotzdem richten wir es uns darin ein.
Wir hängen Bilder an die Wände.
Wir kaufen Möbel.
Wir stellen Blumen auf den Tisch.
Wir kochen Kaffee.
Wir verlieben uns.
Wir streiten.
Wir versöhnen uns.
Wir planen den nächsten Urlaub.
Wir machen Pläne für in fünf Jahren.
Und manchmal stehen wir am Fenster und schauen hinaus.
Während irgendwo im Inneren bereits das Feuer brennt.
—
Wir nennen dieses Feuer Vergänglichkeit.
Wir nennen es Zeit.
Und irgendwann nennen wir es Tod.
Er ist kein Ereignis, das erst am Ende unseres Lebens auf uns wartet. Er ist vielmehr der stille Schatten, der von Anfang an mit uns geht.
Wir verlieren Menschen.
Wir verlieren Jahre.
Wir verlieren Möglichkeiten.
Wir verlieren Versionen von uns selbst.
Manches verschwindet langsam.
Manches innerhalb eines einzigen Augenblicks.
Und gerade weil wir wissen, dass nichts bleibt, versuchen wir so verzweifelt, alles festzuhalten.
Das junge Gesicht.
Den gesunden Körper.
Die große Liebe.
Die Kinder, solange sie klein sind.
Die Eltern, solange sie da sind.
Die Katze, die jeden Abend auf ihren Lieblingsplatz springt.
Den Menschen, dessen Stimme wir auswendig kennen.
Wir wissen, dass all das nicht für immer sein wird.
Und vielleicht ist genau das der schmerzhafteste Teil des Lebens.
Aber vielleicht ist es auch sein kostbarster.
—
Memento Mori bedeutet: Erinnere dich daran, dass du sterben wirst.
Doch ich glaube, dass dieser Satz allein nicht genügt.
Denn wenn wir nur auf den Tod schauen, kann aus dem Bewusstsein der Vergänglichkeit schnell Angst werden.
Dann stehen wir am Fenster unseres brennenden Hauses und schauen nur noch auf die Flammen.
Wir zählen die Jahre.
Wir zählen die Falten.
Wir zählen die Abschiede.
Wir warten auf das Unvermeidliche.
Und vergessen dabei etwas Entscheidendes:
Wir sind noch hier.
Das Feuer hat uns noch nicht erreicht.
—
Vielleicht ist Memento Vivere deshalb die notwendige Ergänzung.
Erinnere dich daran, dass du lebst.
Nicht irgendwann.
Nicht wenn die Arbeit weniger wird.
Nicht wenn die Schmerzen verschwinden.
Nicht wenn du endlich genug Geld hast.
Nicht wenn der richtige Mensch kommt.
Nicht wenn du zehn Kilo abgenommen hast.
Nicht wenn du dich endlich schön genug, erfolgreich genug oder mutig genug fühlst.
Jetzt.
Mit allem, was unvollkommen ist.
Mit den Narben.
Mit den Verlusten.
Mit den Ängsten.
Mit den grauen Haaren.
Mit den Dingen, die anders gekommen sind als geplant.
Das Leben verlangt keine makellose Fassade.
Es verlangt nur, dass wir anwesend sind.
—
Vielleicht bedeutet Leben manchmal gar nichts Großes.
Vielleicht bedeutet es, morgens das Fenster zu öffnen und die kalte Luft hereinzulassen.
Eine Tasse Kaffee in Ruhe zu trinken.
Jemanden anzurufen, dessen Stimme man vermisst.
Eine Hand länger zu halten.
Über etwas völlig Albernes zu lachen.
Ein Lied so laut zu hören, dass für ein paar Minuten die Welt verschwindet.
Einen Friedhof zu besuchen und zwischen den alten Steinen darüber nachzudenken, wie viele Menschen hier einmal geliebt, gelacht, gehofft und Pläne gemacht haben.
Und dann wieder nach Hause zu gehen.
Lebendig.
Dorffriedhof Mittelstetten bei Schwabmünchen, Bildrechte: Petra Kupka
Ich glaube, Friedhöfe können uns genau daran erinnern.
Sie sind keine Orte, an denen das Leben endet.
Sie sind Orte, an denen sichtbar wird, dass es stattgefunden hat.
Hinter jedem Namen ein Leben.
Hinter jedem Datum eine Geschichte.
Hinter jedem Stein ein Mensch, der einmal jemandem wichtig war.
Und vielleicht liegt darin eine der schönsten Wahrheiten der Vergänglichkeit:
Wir müssen nicht ewig leben, damit unser Leben Bedeutung hat.
Ein Sonnenuntergang ist nicht weniger schön, weil er untergeht.
Eine Blume ist nicht weniger kostbar, weil sie verwelkt.
Und ein Leben wird nicht dadurch wertlos, dass es endlich ist.
Vielleicht macht gerade seine Endlichkeit es kostbar.
—
Das brennende Haus ist also kein Grund, nichts mehr zu tun.
Es ist ein Grund, hinzusehen.
Und dann vielleicht nicht länger am Fenster zu stehen.
Sondern aufzustehen.
Den Menschen zu sagen, dass wir sie lieben.
Den Kaffee zu trinken, solange er warm ist.
Die Musik anzumachen.
Barfuß durch den Sommerregen zu laufen.
Den Friedhof zu besuchen.
Eine Blume zu pflanzen.
Zu vergeben, wenn wir können.
Zu gehen, wenn wir müssen.
Zu bleiben, wenn wir wollen.
Zu lachen, obwohl wir wissen, dass irgendwann niemand mehr über diesen Witz lachen wird.
Und zu lieben, obwohl wir wissen, dass Liebe uns verletzlich macht.
Denn vielleicht ist genau das Mut:
Nicht zu vergessen, dass das Haus brennt – und trotzdem darin zu tanzen.
Franz von Davans (1818–1895) ist heute vielleicht nur noch wenigen Mannheimern ein Begriff. Sein Grab auf dem Mannheimer Hauptfriedhof erzählt jedoch von einer ungewöhnlichen Gesellschaft, die über viele Jahrzehnte zum gesellschaftlichen und kulturellen Leben der Stadt gehörte.
Im Jahr 1839 gründete Davans gemeinsam mit Freunden die „Räuberhöhle“ – eine Mannheimer Herrengesellschaft, deren Name auf Friedrich Schillers Drama Die Räuber zurückgeht. Was zunächst der Pflege geselliger und heiterer Zusammenkünfte diente, entwickelte sich zu einem festen Bestandteil des bürgerlichen Lebens der Stadt. Die Gesellschaft veranstaltete bereits in ihren frühen Jahren Maskenzüge und wurde später zu einem Treffpunkt von Künstlern, Kaufleuten und angesehenen Bürgern.
Davans war ihr „Hauptmann“. Eine zum 50-jährigen Bestehen 1889 geprägte Medaille erinnert an ihn und trägt die bezeichnenden Worte: „Einigkeit, Freundschaft, Frohsinn“.
Noch 1929 wurde die Räuberhöhle als ein Ort beschrieben, an dem sich die Mannheimer „Intelligenz“ versammelte. Zu ihren Mitgliedern gehörten Angehörige bedeutender Mannheimer Familien ebenso wie Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Kultur.
So steht auf dem Grabmal heute schlicht:
„Die Räuberhöhle ihrem Gründer und Hauptmann Franz v. Davans“
Ein Denkmal für einen Mann – und zugleich für ein Stück Mannheimer Gesellschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts.
Vielleicht ist genau das die schönste Seite alter Gräber:
Manchmal bewahren sie nicht nur die Erinnerung an einen Menschen, sondern auch an eine ganze Welt, die längst vergangen ist.
„Die Menschen haben schöne Dinge über Dich zu sagen – aber Du musst zuerst sterben“.
Dieser Satz von Dostojewski trifft wirklich einen wunden Punkt.
Oft warten wir viel zu lange mit dem, was eigentlich gesagt werden sollte.
Wir sprechen Anerkennung aus bei Trauerfeiern, wir erzählen von den guten Eigenschaften eines Menschen, wenn wir am Grab die Hände seiner Angehörigen schütteln.
Vielleicht sollten wir den Menschen um uns herum schon heute sagen, was wir an ihnen schätzen. Denn die schönsten Worte über einen Menschen gehören nicht auf seinen Grabstein. Sie gehören in sein Leben.
„Memento Mori“ erinnert uns an die Endlichkeit.
„Memento Vivere“ erinnert uns an die Verantwortung, die darin liegt.